Überlieferungen

Wie sehr gehören unsere Lehrer in Mainz, in Worms und in Speyer zu den gelehrtesten der Gelehrten, zu den Heiligen des Höchsten … von dort geht die Lehre aus für ganz Israel … Seit dem Tage ihrer Gründung richteten sich alle Gemeinden nach ihnen, am Rhein und im ganzen Land Aschkenas.

Rabbi Isaak ben Mose, genannt Isaak Or Sarua, gest. ca. 1250

Gelehrsamkeit: Raschi und SchUM

Der um 1040 in Troyes geborene Rabbi Schlomo ben Jizchak, genannt Raschi, ist neben den Mainzer Gelehrten eine zentrale Figur, die den anhaltenden Ruhm der SchUM-Städte begründet. Ab 1060 studierte er im damals in der jüdischen Welt Europas hoch angesehenen Lehrhaus in Mainz und anschließend in Worms. 1065 kehrte Raschi nach Troyes zurück, wo er etwa 1070 ein eigenes Lehrhaus gründete. Raschi starb 1105 in Troyes.
Was blieb, waren seine Worte. Bis heute wird jede Ausgabe des Babylonischen Talmuds mit dem Kommentar Raschis gedruckt. Hinzu kommen Raschis verschriftlichte halachische Betrachtungen (Responsen). Er befasste sich darin mit sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen von Christen und Juden sowie strittigen Fragen des Alltags, der Wirtschaft und dem gemeinschaftlichen Zusammenleben innerhalb und außerhalb der Gemeinde. Themen waren dabei u.a. der Geldhandel, die Pfandleihe, Immobiliengeschäfte, die Speisegesetze, aber auch Fragen zur Sklaverei oder Zwangstaufen.

Jerusalem am Rhein: SchUM als Wegweiser

Im Jahre 1146 erhielten die Rabbinate in Speyer, Worms und Mainz von einer Rabbinatsversammlung in Troyes die höchste Autorität in religiös-kultischen und rechtlichen Fragen zugesprochen. Ihre Entscheidungen, Liturgien und halachischen Weisungen waren nunmehr verbindlich. Die in den SchUM-Städten erarbeiteten Vorschriften wurden 1220 auf einer Versammlung in Mainz im Takkanot-SchUM verschriftlicht. Auch dies verdeutlicht die Besonderheit von SchUM: inmitten des pluralistischen, von Diskursen geprägten Judentums konnte SchUM sich als ein wesentliches Zentrum der Gelehrsamkeit behaupten.

Die Riten, Gesänge und Regeln sind bis heute in der jüdischen Welt bekannt und anerkannt und werden noch immer verglichen und diskutiert, u.a. mit den Schriften des Maimonides. SchUM lebt im Judentum bis heute.

Der jüdische Dichter David bar Meshullam aus Speyer verfasste im 12. Jahrhundert ein Gebet über die Pogrome von 1096, das in deutschen Gemeinden bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts am Vorabend des höchsten jüdischen Feiertags, Yom Kippur, in der Synagoge verlesen wurde.

Die SchUM-Städte blieben bis Mitte des 13. Jahrhunderts zentrale Orte des westeuropäischen, aschkenasischen Judentums. Nach Pogromen und Vertreibungen verloren die Gemeinden an überregionaler Bedeutung, doch ihr Ansehen als Orte und Räume der Erinnerung und Gelehrsamkeit ist bis heute ungebrochen. SchUM ist in Europa und der Welt in verschiedenster Weise präsent und wird so von Generation zu Generation weitergetragen. SchUM ist global bedeutsam, weil die Kommentare und Gedanken, Gesetze und Überlegungen für heutige Diskussionen zu Thora und Talmud, ethischen und rechtlichen Fragen noch immer relevant sind.

Gelehrsamkeit war Teil des Lebens in den Synagogen, Lehrhäusern und Judenvierteln von SchUM und drückt sich auch in den Begräbnisstätten dieser Gelehrten auf den Friedhöfen von SchUM aus. Hinzu kommt eine bedeutende erzählerische Kultur in den SchUM-Städten. Diese Legenden und Überlieferungen zeigen: Es gab einen regelrechten jüdischen Lokalpariotismus den SchUM-Städten gegenüber. SchUM bedeutet, einem großen jüdischen Erbe anzugehören.

Wormser Machzor: aus Worms nach Jerusalem

Der in der National Library of Israel aufbewahrte Wormser Machzor gehört zu den ältesten bekannten Gebetbüchern des aschkenasischen Judentums und ist ein herausragendes Zeugnis jüdischer Buchgestaltung und Typografie des Mittelalters. Der im 13. Jahrhundert gestaltete und im 14. Jahrhundert um liturgische Gesänge erweiterte Wormser Machzor enthält zudem das bisher älteste bekannte Zeugnis in Jiddisch. Die auf Jiddisch verfasste, mit hebräischen Buchstaben geschriebene Zeile bedeutet, dass jener, der diesen Machzor in die Synagoge trägt, einen guten Tag erleben werde.

Der Machzor war in Worms war bis 1938 in Gebrauch. Das Buch konnte während des Novemberpogroms 1938 vor der Zerstörung bewahrt werden. Die Motive der Rettung sind nicht eindeutig. 1957 wurde der Machzor im Zuge der Verhandlungen über herrenloses jüdisches Kulturgut nach Israel gebracht. Das Buch wird von der JNUL als bedeutendes Zeugnis des aschkenasischen Judentums und als Ausdruck des Geistes von SchUM präsentiert.

Monumente: Friedhöfe, Ritualbäder und Straßenverläufe

In den SchUM-Städten existieren unterschiedlichste bauliche Relikte und eindrucksvolle Monumente aus dem Mittelalter und der Neuzeit. Dazu gehören archäologische Funde und Sicherungen, erneuerte sowie teilrekonstruierte Bauten ebenso wie Grabsteine. Die Bauten und Steine bilden gemeinsam ein Monument des jüdischen Lebens und der Gelehrsamkeit in SchUM in Geschichte und Gegenwart. Die Monumente spiegeln die Traditionen und auch die gewaltsamen Brüche. Die heutige Situation zeigt zudem die Annahme des Erbes durch Deutschland und Europa und seine Relevanz. Die baulichen Monumente sind hierbei einzigartig – und zugleich Ausdruck der Welt der Gelehrsamkeit, die in SchUM vorherrschte.