Worms

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»Heiliger Sand«: der älteste jüdische Friedhof Europas

Die hier bewahrten ältesten Grabsteine stammen aus den Jahren ab 1055/56. Gräber bedeutender Gelehrter sind hier zu finden, und gerade diese werden von jüdischen Reisenden und anderen Interessierten gezielt aufgesucht.

Begraben wurden in Worms neben anderen:

  • Rabbi Meir von Rothenburg, genannt MaHaRam (gestorben 1293),
  • Alexander ben Salomon Wimpfen (gestorben 1307),
  • Rabbi Nathan ben Issak (gestorben 1333),
  • Rabbi Jakob ben Moses haLevi, genannt MaHaRil (gestorben 1427),
  • Rabbi Meir ben Isaak (gestorben 1511),
  • Elia Loanz, ein Baal-Schem (gestorben 1636).

Wie durch ein Wunder überstand der Friedhof mittelalterliche Vertreibungen und Pogrome ebenso wie die Shoah – nicht immer gänzlich unbeschadet, doch ohne größere Schäden und Räumungen, sodass rund 2.500 Steine von der Geschichte der Gemeinde zeugen.

Ein erstes Dokumentationsprojekt des Friedhofs im 19. Jh. blieb unvollendet. Anknüpfend daran wird im Zuge der Bewerbung um den UNESCO- Welterbestatus die Verzeichnung der Grabsteine weiter betrieben, maßgeblich durch Prof. Michael Brocke und sein Team von Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen. Das Projekt wird von dem Altertumsverein Worms finanziell unterstützt.

Der Neue Jüdische Friedhof in Worms-Hochheim kann mit einer Trauerhalle im Darmstädter Jugendstil aufwarten. Sehr schön - aber nicht so einzigartig, dass sie in die Bewerbung um das Welterbe aufgenommen wird.
Brutal beendet wurde die 1000-jährige Geschichte der Gemeinde Worms mit den letzten Deportationen im September 1942 – die Bedeutung von SchUM aber endete nicht mit der Shoah. Eine neue jüdische Gemeinde belebt seit wenigen Jahren den ehemaligen Raum SchUM in Worms wieder.

Bauliches Ensemble: Wormser jüdisches Leben

In Worms ist ein klarer Eindruck der städtebaulichen Situation und damit des Verlaufs des mittelalterlichen Judenviertels möglich: Stadtmauerreste, Eingangstore und die Wiederbebauung der Judengasse entlang des Originalstraßenverlaufs ab den 1960ern ermöglichen, die Gasse physisch zu erfahren. Hinzuweisen ist auf verschiedene historische Kellergewölbe unter einigen der neu errichteten Häuser, von denen viele bereits durch die Denkmalpflege untersucht worden sind. Diese Spuren des mittelalterlichen und neuzeitlichen Lebens in der Judengasse sollen für die Öffentlichkeit in Zukunft visualisiert oder gar zugänglich gemacht werden. Es sind bedeutende Zeugnisse - wenn auch nicht relevant für die UNESCO-Bewerbung.

Judengasse
Judengasse © Stadtarchiv Worms

Worms
Das Judenviertel um das Jahr 1760

Erhalten blieb, über die Zerstörung der Shoah hinweg, die 1185/86 gestiftete Mikwe. Das Ritualbad ist baulich dem in Speyer nachempfunden, wenn auch etwas kleiner, und als Monumentalmikwe angelegt. Sie wird in Zukunft denkmalpflegerisch weiter untersucht, gesichert und behutsam saniert werden. Die Mikwe ist für Besucher und Gruppen seit November 2016 gesperrt.

Die in Worms in der Judengasse bzw. am Synagogenplatz befindliche Synagoge ist für das jüdische Erbe SchUM – als Monument und als Erinnerungsraum – ganz zentral. Die nach der Shoah rekonstruierte, mittelalterlich anmutende, Synagoge zeugt von verschiedenen Schichten jüdischer und nichtjüdischer Geschichte über verschiedene Epochen und Jahrhunderte. Dadurch ist in und um die Wormser Synagoge ein in Deutschland und Europa singulärer Raum entstanden, der jüdische Tradition und Narrative, aber auch Verhaltensmuster der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft in verschiedenen Zeiten birgt und spiegelt.

Synagoge mit Haus zur Sonne (1991)
Synagoge mit Haus zur Sonne (1991) © Stadtarchiv Worms
Blick in die Synagoge (1991)
Blick in die Synagoge (1991) © Stadtarchiv Worms
Synagoge mit Raschi-Jeschiwa nach Wiederaufbau (1961)
Synagoge mit Raschi-Jeschiwa nach Wiederaufbau (1961) © Stadtarchiv Worms

Die 1034 geweihte Synagoge, während der Pogrome 1096 schwer beschädigt, wurde 1174/75 am selben Ort durch eine neue Synagoge ersetzt. Eine Frauensynagoge erweiterte den Bau ab 1212/13. Nach Zerstörungen während des Pestpogroms 1349 und dem folgenden Wiederaufbau wurden neue Gewölbe angefügt. Nach antijüdischen Ausschreitungen 1615 musste der Bau erneut instand gesetzt werden; zeitgleich entschied sich die Gemeinde für Erweiterungen. Kernstück hierbei war eine halbkreisförmige Nische (Apsis), die seit dem 18. Jahrhundert als Raschi-Lehrstube oder Raschi-Jeschiwa Berühmtheit und sogar Legendenstatus erlangte. Raschi lehrte dort nicht, aber es sind die Idee und das Ideal von Raschi, die dort ihren Platz innehaben. Krieg und Wiederaufbau im 17. Jahrhundert führten zu der Anmutung des Gebäudes, wie es bis zu seiner mutwilligen Zerstörung im Novemberpogrom 1938 in aller Welt bekannt war. Die Brandruine von 1938 wurde ab Ende 1939 bis Anfang 1941 nach und nach abgetragen.
Nach dem Ende der Shoah war der Ruf von SchUM noch immer ungebrochen. Überlebende Juden, die in Camps für Displaced Persons auf die Emigration aus Europa warteten, besuchten Worms, um diese Stätte des historischen Judentums zu würdigen. SchUM war aber auch Selbstvergewisserung, dass jüdische Erinnerung an Gelehrsamkeit, Traditionen und Geschichte alle physischen Zerstörungen überdauert.
Die alte Synagoge befindet sich zwischen dem in den 1980ern errichteten Raschi-Haus und dem Haus zur Sonne. Genau gegenüber der rekonstruierten Synagoge steht ein Wohngebäude am Ort der 1875 eingeweihten Levyschen Synagoge. Diese wurde 1938 geschändet und verwüstet, aber wegen der dichten Bebauung nicht in Brand gesteckt. Im Januar 1945 während eines Bombenangriffs weiter zerstört, trug die Stadt die Ruine 1947 ab. Eine kleine Tafel erinnert an das jüdische Gotteshaus.

Stadt, Land und Bund entschieden sich in den 1950ern für einen Wiederaufbau der Synagoge. Baupläne, Fotos und Berichte dienten dabei der höchstmöglichen historischen Genauigkeit. Gerettete originale Bauteile und die Stifterinschrift für die erste Synagoge aus dem 11. Jh. konnten ebenso wie der legendäre Stuhl Raschis wieder verwendet werden. Die heute sichtbaren Grundmauern stammen aus den Jahren 1175/76.

1961 erfolgte die Neuweihe. Dass der Aufbau nach der Shoah von jüdischen Emigranten und Überlebenden unterschiedlich bewertet wurde, ist verständlich. Einige befürworteten die Rekonstruktion, andere lehnten dies entschieden ab.

Der Wiederaufbau konnte und kann nichts wieder gut machen, was der Gemeinde nach 1933 angetan wurde. Mehr als 70 Jahre nach Ende der Shoah aber hat jüdisches Leben sich in Deutschland wieder Räume geschaffen – und auch die alte Synagoge in Worms gehört dazu. Sie ist ebenso wie die Mikwe Besitz der Jüdischen Gemeinde Mainz-Worms.
Die Wormser Synagoge vermittelt einen nachhaltigen Eindruck von der ungebrochenen Relevanz der Anziehungskraft und Bedeutung der SchUM-Stadt Worms. Sie verdichtet Geschichte und Gegenwart.

Das ebenfalls am Synagogenplatz befindliche Haus zur Sonne, das der Jüdischen Gemeinde gehörte, beherbergte nach 1935 und bis zur Schließung im Juli 1942 eine jüdische Schule. Heute sind dort die Büros der Jüdischen Gemeinde Worms sowie die Geschäftsstelle des Vereins SchUM-Städte untergebracht - doch auch dieses Gebäude ist nicht relevant für die Bewerbung bei der UNESCO.

Nahe der Synagoge befindet sich auch das Raschi-Haus. An derselben Stelle stand bis 1971 das Lehr-, Tanz- und Hochzeitshaus, Spital und Altenheim der Jüdischen Gemeinde. Nach den letzten Deportationen aus Worms u.a. als Obdachlosenheim umgenutzt, verfiel es zusehends und wurde 1971 abgerissen. Über dem authentischen Gewölbekeller errichtete die Stadt 1980/82 das neue Raschi-Haus. Dort sind das Stadt-Archiv, das Fotoarchiv und ein seit 1982 existierendes Jüdisches Museum untergebracht – Anlaufstelle nicht nur für Wissenschaftler, sondern auch für Genealogen und Nachfahren Wormser Juden.